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Herausgeber: Dipl. Päd. Bernd Ulrich

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Die (Un)fähigkeit zur Mehrsamkeit

Werner Dinkelbach

Werner Dinkelbach: Die (Un)fähigkeit zur Mehrsamkeit

Ausgehend von den Überlegungen, das das Ideal in eigentümlicher Weise hinter seiner Verkleidung durch die Verkehrung ins Gegenteil eine höchst zerstörerische Komponente enthält und verbirgt, die wie uns die Geschichte im Allgemeinen lehrt und wie wir aus den paartherapeutischen Begegnungen wissen. Dass die Sehnsucht nach der absolut idealen Liebe, wenn sie sich zu erfüllen droht das Gegenteil hervorbringt um die Auslöschung des "Ichs" in der Verschmelzung und damit dem Tod zu verhindern sucht, ihn aber gerade dadurch herbeiführt. Des weiteren gehe ich davon aus, dass der Umschlagspunkt des Ideals dann erreicht ist, wenn das Selbst sich in der Vervollkommnung wähnt und zur Gänze mit dem Ideal fusioniert. Ein historisch beredetes Beispiel dafür ist die Geschichte des Zisterzienserordens.


Insofern führte die jahrzehntelange Apostasierung des Ideals den souveränen Menschen zu erklimmen, Nietsches Herrenmensch (der Mensch der Herr über sich selber ist) psychoanalytisch und im Speziellen, psychologisch im Allgemeinen zu einer Verschiebung in dem die schizoiden Grundmuster idealisiert wurden. Der autonome, souveräne und freie Mensch erhebt die Einsamkeit und Leere zu seinem Ideal, um sich nicht den Ängsten der Geschlechterbegegnung stellen müsste. Es ist so als wollte man Hermann Hesses Steppenwolf vergolden. Dies entspricht zwar den ökonomischen Interessensebenen, hier dient die daraus resultierende narzistische Gratifikation der Abwehr gegen die dahinter stehende Sinnlosigkeit, verstärkt den flexiblen globalisierten, hier und dort sein könnenden Menschen, der einem Miteinander lustvoll entfliehen kann. Der daraus resultierende Geburtenrückgang in den technokratisch am meisten organisierten Ländern dürfte symptomatologisch definiert werden. Dieses "Unbehaustsein", dieses nicht zu Hause sein können, bei sich selbst verklärender Mobilität diese Rationalisierung von "keine Zeit haben", dem allseits vorhandenem ökonomischen Druck weckt auf der anderen Seite tiefe Sehnsüchte nach allseitiger Geborgenheit was an der zunehmenden Entwicklung des religiösen sichtbar wird (auf Andre Malraux: Das 21. Jahrhundert wird ein religiöses sein, oder es findet nicht statt). Dieses aber gleichzeitig bei aller Sehnsucht nicht mehr wissen wie, lässt die Menschen zunehmend verzweifelter werden und der narzistischen Abwehr der Verklärung des Ideals, der Symptombildung des Versagthabens wenn man es nicht erfüllt, Lebensformen definieren, die sich an den Polen Patient und erfolgreicher Manager als gesamtgesellschaftlicher Spannungsbogen bemerkbar machen. An diesem Prozess war die Psychoanalyse nicht schuldlos beteiligt, indem sie die Idealisierungen des Ideals unter der Begrifflichkeit Autonomieentwicklung förderte, während heute der Focus zunehmend mehr auch aus Schuld und Scham hinter einem falsch verstandenen Kantschen Postulat von der Freiheit des Menschen versteckt zu haben, auf die Schwierigkeiten der Bindung. So als solle etwas wieder gut gemacht werden. Dabei droht die Gefahr einer erneuten Verkehrung indem sich die Balance zwischen Autonomie und Abhängigkeit auf die andere Seite zu verschieben droht.


Kongress: "Die Fähigkeit allein zu sein - Zwischen psychoanalytischem Ideal und gesellschaftlicher Realität", Jahrestagung der DGPT, 19. - 21. September 2008, Bonn, 38 Min., 1 CD oder als Sofortdownload (41 MB audio)

Vortrag aus dem Jahr 2008, aufgenommen in Bonn

Sprache: Deutsch

 

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