Artikelbeschreibung:
Die Neurowissenschaft ist für die systemische Herangehensweise an die Welt in mehrerer Hinsicht von besonderer Bedeutung. 1. Zunächst ist das Gehirn einschließlich seiner diversen Wechselwirkungen mit dem Organismus selbst ein komplexes, nichtlineares System und realisiert selbstorganisierende Prozesse. Die Pionierleistungen zur Erforschung neuronaler Selbstorganisation – z.B. in der Synergetik – münden zunehmend in Ansätze, das komplexe System Gehirn mathematisch zu modellieren. Dies wird als Computational oder Systemic Neuroscience
bezeichnet.
2. „Systemisch“ ist die Hirnforschung auch deshalb, weil das Gehirn zunehmend als soziales und kulturelles „Organ“ verstanden wird. Unterschiedliche Forschungen zu „Spiegelneuronen“ und der „Theory of Mind“ machen das deutlich. Zudem erkennen wir, welche Konsequenzen soziale Erfahrungen (z.B. frühe Bindungserfahrungen, soziale Verstärkung des Schmerzverhaltens oder interpersonelle Vorerfahrungen für die Bereitschaft, Empathie zu zeigen) haben.
3. Systemische Theorien über die Funktionsweise von Psychotherapie, welche diese als Schaffen von Bedingungen für bio-psycho-soziale Selbstorganisation beschreiben, können nun nicht nur auf der Ebene des Verhaltens und Erlebens, sondern auch auf der Ebene neuronaler Musterbildung untersucht werden. Ordnungsübergänge im Therapieprozess haben ihr Pendant in den Aktivierungsmustern neuronaler Netze, wie unsere Arbeiten mit wiederholtem fMRT im Verlauf von Therapien zeigen.
4. Der Begriff „Systemische Therapie“ muss spätestens auf der Basis dieser Befunde grundsätzlich erweitert werden. Es geht nicht nur um Paar- und Familientherapie, sondern um die Nutzung systemwissenschaftlicher Modelle und Forschungsbefunde für die Veränderung von Systemfunktionen jedweder Art. Als Beispiel mag die Nutzung von Real-Time Monitoring-Systemen dienen, als zweites Entwicklungen des Neurofeedbacks mit fMRT und schließlich die Entwicklung völlig neuer Methoden der Tiefenhirnstimulation auf Grundlage der Synergetik.
Günter Schiepek, Prof. Dr. phil. Studium der Psychologie in Salzburg (Promotion 1984), Habilitation für Psychologie in Bamberg (1990). Langjährige Vertretung des Lehrstuhls für Klinische Psychologie an der Universität Münster und Leiter des Forschungsprojekts „Synergetik der Psychotherapie“ am Universitätsklinikum der RWTH Aachen (1998-2003). Professor an der Universität Bamberg. Visiting-Professor an der Donau-Universität Krems. Leitung der Forschungseinrichtung für Dynamische Systeme am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Geschäftsführer des Center for Complex Systems (München). Leiter des Eggenburg Institute of Complex systems, Health, and Neuroscience (ab Oktober 2007, zusammen mit Prim. Dr. A. Remmel).
Arbeitsschwerpunkte: Synergetik und Dynamik nichtlinearer Systeme in Psychologie, Management und in den Neurowissenschaften. Prozess-Outcome-Forschung in der Psychotherapie. Neurobiologie der Psychotherapie. Computerbasiertes Real-Time Monitoring in verschiedenen Anwendungsfeldern. Sozialpsychologie. Management. Kompetenzforschung.
(Kongress: "Systemische Hirngespinste" - Neurobiologische Impulse und andere Ideen für die Systemische Theorie und Praxis, 8. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGSF, 10. - 13. September 2008, Essen, 88 Min., 2 CDs / 1 DVD)