Artikelbeschreibung:
BESTSELLER
Entsprechend dem Tagungsthema gehe ich zunächst auf Winnicotts Konzeption der Fähigkeit, allein zu sein, ein und verbinde das mit seinem Gedanken eines nicht-kommunikativen Kern des Selbst. Das Tagungsthema „Die Fähigkeit allein zu sein: Zwischen psychoanalytischem Ideal und gesellschaftlicher Realität“ fordert sodann zum Nachdenken darüber auf, wie denn überhaupt ein Einfluß der gesellschaftlichen Realität auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung dieser Fähigkeit gedacht werden kann. Im zweiten Schritt meiner Überlegungen stelle ich Z. Baumans Konzeption der „Flüchtigen Moderne“ vor, mit der er die aktuelle dezentralisierte Form des Konsumkapitalismus analysiert. Zusammen mit Ch. Türckes Konzeption der „Erregten Gesellschaft“, in deren Zentrum der auffällige Aspekt der Erregungsintensivierung in der Gegenwart steht, stellt sie eine für die psychoanalytische Reflexion der Fragestellung angemessene Beschreibung dar. Baumans Analyse impliziert, dass sich in der Flüchtigen, der „Zweiten“ (U. Beck) oder auch Post-Moderne (kultureller Diskurs) die Struktur der personalen Identität hin zu einer flexibilisierten (R. Sennett) oder „situativen Identität“, wie sie H. Rosa in seinem Buch „Beschleunigung. Über die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne“ nennt, verändert. Diese Veränderung gegenüber einer auf Kontinuität und Kohärenz zentrierten Identität in der „Ersten“, der „Schweren Moderne“ (Z. Bauman) werde ich anhand einer eigenen Identitätskonzeption genauer beschreiben. Auf diesem Boden lässt sich im dritten Schritt dartun, dass und in welcher Weise die Fähigkeit, allein zu sein, durch die gegenwärtige Realität gefährdet ist. Anders gewendet, ein wichtiges psychoanalytisches Ideal erweist sich, wieder einmal, prima facie als nicht zeitgemäß. Aber noch einmal anders gewendet: vielleicht doch darin wieder als zeitgemäß, weil dem Menschen gemäßer als das, was unsere Zeit als ihm gemäß erscheinen lässt. In dieser Hinsicht impliziert das Tagungsthema eine psychoanalytische Kritik postmoderner Entwicklungen. Aber könnte nicht umgekehrt auch die Psychoanalyse etwas von der Postmoderne lernen? Das Tagungsthema enthält das für Winnicotts psychoanalytisches Denken zentrale, den psychischen Raum öffnende und nicht bereits verortete „Zwischen“. Liest man das Tagungsthema mit der Betonung auf diesem „Zwischen“, dann löst sich die Fähigkeit, allein zu sein, von ihrer festen Zuordnung zum Pol des analytischen Ideals und steht irgendwo im Raum zwischen ihm und der gesellschaftlichen Realität. Im letzten Schritt meiner Überlegungen werde ich einige Gedanken zu dieser atopischen, ortlosen Stellung des Alleinseins formulieren. Eine spezifisch psychoanalytische Fähigkeit, allein zu sein, könnte darin bestehen, die Psychoanalyse immer wieder zu verlieren und wiederzugewinnen.
(Kongress: "Die Fähigkeit allein zu sein - Zwischen psychoanalytischem Ideal und gesellschaftlicher Realität", Jahrestagung der DGPT, 19. - 21. September 2008, Bonn, 67 Min., 1 CD)