Artikelbeschreibung:
Über einen menschenwürdigen Umgang mit Gewaltstraftätern
KONGRESS-BESTSELLER
Das geltende Strafrecht setzt Willensfreiheit voraus: Auch wenn ein Täter durch vielfältige Motive zur Tat gedrängt wurde, war er dennoch in der Lage, sich gegen diese Motive zu entscheiden. Für die Schuld eines Täters ist konstitutiv, dass er dies nicht getan hat. Dies begründet Strafe als Vergeltung und Sühne.
Aus neurobiologisch-psychologischer Sicht ist dieser Schuldbegriff zweifelhaft. Menschen handeln aufgrund unbewusster oder bewusster Motive, die ihre Wurzeln in genetischen Prädispositionen, frühkindlichen Prägungserlebnissen, Erziehung oder Erfahrung haben. Gewaltstraftäter werden entweder durch ein Milieu konditioniert, das ihnen Gewalt als normal bzw. zweckdienlich vermittelt, oder sie haben genetische, neurobiologische und psychische Defizite, die sie zu reaktiv-impulsiven oder zu proaktiv-psychopathischen Tätern machen. Es erscheint deshalb unethisch, ihnen eine persönliche Schuld zuzusprechen. Auch erweist sich bei ihnen Strafe als ein pädagogisch untaugliches Mittel. Sie haben aber ein Recht auf Hilfen, z.B. in Form einer Therapie, die es ihnen ermöglichen, in Zukunft ein Leben in Freiheit zu führen.
Gerhard Roth ist Professor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Er promovierte 1969 in Philosophie und 1974 in Zoologie, wurde 1997 zum Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst berufen und gilt als einer der führenden deutschsprachigen Hirnforscher. Seit 2003 ist er Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes. Seine Forschungsschwerpunkte sind kognitive und emotionale Neurobiologie, theoretische Neurobiologie und Neurophilosophie. Aktuelle Buchpublikationen: „Bildung braucht Persönlichkeit“ (Klett-Cotta, 2011), „Wie einzigartig ist der Mensch?“ (Spektrum Akademischer Verlag, 2010), „Kopf oder Bauch? Zur Biologie der Entscheidung“ (Hrsg. mit K-J. Grün und M. Friedman, Vandenhoeck & Ruprecht, 2010).
Eröffnungsvortrag des Symposiums turmdersinne "Verantwortung oder Illusion? Moral, Schuld, Strafe und das Menschenbild der Hirnforschung" vom 14. - 16. Oktober 2011 in Nürnberg, ca. 78 Min. auf 2 CDs oder 1 DVD